Wirtschaftswachstum — der Hockeyschläger der Geschichte
Fast die gesamte Menschheitsgeschichte war der Enkel ungefähr so arm wie der Großvater. Dann, vor
ganz kurzer Zeit, explodierte der Wohlstand. Warum? Und was bedeutet es, dass dieses „Normal" historisch
bizarr ungewöhnlich ist?
Über tausende Jahre stand der Lebensstandard der Menschen fast still. Wann begann das anhaltende
Wirtschaftswachstum, das wir heute für selbstverständlich halten?
Wann ging der Hockeyschläger nach oben?
Worum geht's?
Wirtschaftswachstum
meint den anhaltenden Anstieg des realen BIP pro Kopf — also mehr Güter und Dienste je Mensch, Jahr für Jahr.
Der Blick auf die lange Geschichte zeigt eine der wichtigsten Tatsachen der Ökonomik überhaupt.
Der Hockeyschläger — schalt zwischen den Achsen um
Hier der grobe Verlauf des weltweiten Wohlstands pro Kopf über 3.000 Jahre. Schau ihn dir zuerst normal an —
dann schalt auf logarithmisch um. Die Log-Ansicht enthüllt etwas, das die normale verbirgt:
Grobe historische Schätzungen (Maddison-Projekt), Welt-BIP pro Kopf. Die Log-Achse macht aus
„mal 10" denselben Abstand wie aus dem nächsten „mal 10".
Der Aha-Moment: In der Normal-Ansicht sieht es aus, als sei alles erst gestern passiert.
In der Log-Ansicht erkennst du: Vor 1800 lag die Kurve fast flach (kaum Wachstum), danach steigt sie mit einer ziemlich
konstanten Steigung — das ist eine konstante Wachstumsrate, also genau der Zinseszins-Effekt aus
Block 1, nur für ganze Nationen.
Warum Wachstum so viel verändert
Es holt Menschen aus der Armut. Der stärkste Rückgang extremer Armut der Geschichte fiel mit dem
schnellsten Wachstum zusammen (Asien seit ~1980).
Kleine Raten, riesige Wirkung. Wie bei der Produktivität (Block 2): 2 % statt 1 % verdoppelt den Wohlstand
doppelt so oft. Über Generationen entscheidet das über arm oder reich.
Es ist nicht garantiert. Der Normalzustand der Geschichte war Stillstand. Wachstum muss „erzeugt" werden —
wodurch, klären die nächsten Lektionen (Kapital, Ideen, Menschen).
Warum die Log-Achse die Wahrheit zeigt
Exponentielles Wachstum (konstante Rate g) ist auf linearer Achse eine immer steilere Kurve, auf
logarithmischer Achse aber eine Gerade — ihre Steigung ist die Wachstumsrate:
ln(Yt) = ln(Y0) + g·t → Steigung = g
Deshalb nutzen Ökonomen für langfristige Größen fast immer Log-Skalen: Gleiche Steigung = gleiche Rate, egal auf
welchem Niveau.
Wachstumszerlegung (growth accounting)
Aus der Produktionsfunktion Y = A·Kα·L1−α (Block 2) folgt für die Wachstumsraten:
ĝ(Y) = ĝ(A) + α·ĝ(K) + (1−α)·ĝ(L)
Der Teil, der nicht durch mehr Kapital oder Arbeit erklärt ist — ĝ(A), das Solow-Residuum —
ist der größte Brocken des Pro-Kopf-Wachstums. Das ist der Cliffhanger zum Solow-Modell:
Warum Kapital allein nicht reicht.
💶 Was heißt das für dein Geld?
Der Hockeyschläger ist der Grund, warum langfristiges Investieren funktioniert. Wer breit in die
Weltwirtschaft investiert, sitzt im Boot des langfristigen Wachstums — die Wirtschaft als Ganzes wächst.
Aber Vergangenheit ist keine Garantie. Ehrlich: 200 Jahre Wachstum beweisen nicht, dass es ewig so
weitergeht (siehe Lektion „Grenzen des Wachstums"). Streuung und ein langer Atem sind die vernünftige Antwort
auf diese Unsicherheit.
Wachstum schlägt fast alles. Ein Land (oder Depot), das stetig wächst, überholt eines mit einmaligem
Glücksgriff. Beständigkeit ist mächtiger als der eine große Treffer.
Tipp: Der 🔵 Geek-Modus erklärt, warum die Log-Achse eine Gerade
erzeugt, und zerlegt Wachstum in Kapital, Arbeit und das Solow-Residuum.