Geldsystem-Simulator · Zinsgeld vs. Freigeld

Zwei identische Volkswirtschaften, gleicher Startzustand, gleicher Zufall — links das heutige Kreditgeld mit Zinseszins, rechts Silvio Gesells Freigeld mit Umlaufsicherung (Schwundgeld). Drück auf Start und beobachte über die Jahre, wie Geldmenge, Vermögensverteilung und Wirtschaftsleistung auseinanderlaufen.

Steuerung

Szenarien
Setzt beide Regler auf historisch belegte Werte. Begründung unten in der Dokumentation (§7).
Jahr0
Wie funktioniert das Modell?

Heutiges System: Geld entsteht als verzinster Kredit. Guthaben wächst jedes Jahr um den Zinssatz — „Geld arbeitet". Die Geldmenge (und die Gegenbuchung: die Schulden) wächst dadurch exponentiell. Wer schon viel hat, bekommt absolut am meisten Zins → Vermögen konzentriert sich.

Freigeld: Kein Zins. Stattdessen kostet das Horten von Geld eine kleine Gebühr (Umlaufsicherung). Die Gebühr wird gleichmäßig an alle zurückgegeben. Die Geldmenge bleibt stabil, Geld zirkuliert schneller (höhere Wirtschaftsleistung) und Vermögen bleibt gleichmäßiger verteilt.

Beide Volkswirtschaften starten mit 64 Haushalten und identischem Guthaben und handeln nach demselben Zufallsmuster. So ist jeder Unterschied allein dem Geldsystem zuzuschreiben.

Heutiges System · Zinsgeld

Guthaben verzinst sich · Geldmenge & Schulden wachsen exponentiell
Geldmenge
Schulden
Gini (Ungleichheit)
Anteil reichste 10 %

Freigeld · Umlaufgesichert

Hortgebühr statt Zins · Geldmenge stabil, Geld zirkuliert
Geldmenge
Schulden
Gini (Ungleichheit)
Anteil reichste 10 %
Zinsgeld    Freigeld  —  Häuser: Höhe & Farbe zeigen das Vermögen je Haushalt relativ zum Durchschnitt (armmittelreich).

Geldmenge & Schulden

Ungleichheit (Gini 0–1)

Wirtschaftsleistung (BIP-Index)

Die Mathematik hinter der Simulation Vollständige, codetreue Offenlegung aller Gleichungen, Parameter und Annahmen. Ziel ist Nachvollziehbarkeit: Jede Kurve oben lässt sich auf die folgenden Regeln zurückführen.

1. Grundaufbau und Notation

Beide Volkswirtschaften bestehen aus \(N = 64\) Haushalten. Jeder Haushalt \(i\) besitzt zum Jahr \(t\) ein Geldguthaben \(b_i(t)\). Zu Beginn ist jeder gleich ausgestattet:

$$b_i(0) = 1000 \quad \text{für alle } i, \qquad M(0) = \sum_{i=1}^{N} b_i(0) = 64\,000.$$

Der Zufall (Auswahl der Handelspartner) stammt aus einem deterministischen Generator (mulberry32) mit festem Startwert (Seed). Beide Städte nutzen denselben Zufallsstrom. Dadurch ist jede Simulation exakt reproduzierbar, und jeder Unterschied zwischen den beiden Städten ist allein dem Geldsystem zuzuschreiben — nicht dem Zufall.

Steuerbare Parameter:

SymbolBedeutungStandard
\(i\)Zinssatz pro Jahr (heutiges System)5 %
\(s\)Schwundrate pro Jahr (Freigeld)5 %
\(K_z\)Transaktionen/Jahr (Zins, fest)140
\(K_f\)Transaktionen/Jahr (Freigeld, steigt mit \(s\))\(140\,(1{+}8s)\)
\(\beta\)maximaler Transaktionsanteil je Handel0,10

2. Der Zeittakt

Ein Simulationsschritt entspricht einem Jahr. In jedem Jahr läuft für jede Stadt zuerst die geldsystemspezifische Regel (Verzinsung bzw. Schwund) und danach der Handel ab. Anschließend werden die Kennzahlen berechnet und in die Charts geschrieben.

3. Heutiges System — Kreditgeld mit Zinseszins

Die Jahresregel besteht aus zwei Teilschritten, die nur auf positive Guthaben wirken.

(a) Verzinsung. Jedes Guthaben wächst um den Zinssatz. Diese Zinsgutschrift ist neu geschöpftes Kreditgeld:

$$\tilde b_i = b_i \,(1+i).$$

(b) Konzentration („Geld arbeitet"). Kapitaleinkommen fließt proportional zum Vermögen. Wer über dem Durchschnitt liegt, zieht davon; wer darunter liegt, fällt zurück — proportional zum Abstand vom (verzinsten) Mittelwert \(\bar m\,(1+i)\), mit \(\bar m = \frac{1}{N}\sum_j b_j\):

$$b_i' = \tilde b_i + i\,\bigl(\tilde b_i - \bar m\,(1+i)\bigr).$$

Der zweite Term ist nullsummig — er verschiebt Vermögen, ohne welches zu schaffen oder zu vernichten. Das lässt sich direkt zeigen:

$$\sum_{i=1}^{N} i\bigl(\tilde b_i - \bar m (1+i)\bigr) = i\Bigl((1+i)\!\sum_i b_i - N\,\bar m\,(1+i)\Bigr) = i\bigl((1+i)N\bar m - N\bar m(1+i)\bigr) = 0.$$

Die gesamte Geldmenge wächst deshalb ausschließlich durch die Verzinsung — also exponentiell:

$$M(t) = \sum_i b_i(t) = M(0)\,(1+i)^t = 64\,000 \cdot (1{,}05)^t.$$

Das ist der mathematische Kern der Zinseszins-Kritik: Die Geldmenge folgt einer geometrischen Reihe und verdoppelt sich bei 5 % rund alle 14 Jahre. Da jedes Kreditgeld-Guthaben eine Schuld als Gegenbuchung hat, setzen wir die Schuldenmenge gleich der Geldmenge:

$$D(t) = M(t).$$

4. Freigeld — Umlaufsicherung (Schwundgeld)

Statt Zins erhebt das Freigeld eine kleine Hortgebühr auf Guthaben (Gesells „Umlaufsicherung"). Die Gebühr wird eingesammelt und gleichmäßig an alle zurückgegeben.

(a) Schwundgebühr. Für jedes positive Guthaben:

$$\text{Gebühr}_i = s\,b_i, \qquad b_i \;\rightarrow\; b_i - s\,b_i.$$

(b) Rückverteilung. Die Summe aller Gebühren \(P = \sum_i s\,b_i\) wird als gleiche Dividende an alle ausgeschüttet:

$$b_i' = (1-s)\,b_i + \frac{P}{N}.$$

Da nur umverteilt wird, bleibt die Geldmenge konstant:

$$M(t) = M(0) = 64\,000, \qquad D(t) = D(0).$$

Zugleich ist die Regel mittelwert-anziehend (mean-reverting): Sie zieht jedes Guthaben um den Anteil \(s\) Richtung Durchschnitt. Das wirkt der natürlichen Streuung des Handels entgegen und hält die Vermögensverteilung gleichmäßig.

5. Der Handel (in beiden Städten identisch aufgebaut)

Nach der Geldregel finden \(K\) zufällige Transaktionen statt. Pro Transaktion werden zwei Haushalte \(i, j\) zufällig gezogen, die Richtung wird per Münzwurf bestimmt, und ein Betrag wechselt den Besitzer:

$$\text{Betrag} = \beta \cdot \min\!\bigl(b_i,\,b_j\bigr)\cdot u, \qquad u \sim \mathcal{U}(0,1),\; \beta = 0{,}10.$$

Dieser Handel ist geldmengen-erhaltend (reiner Transfer) und bewusst verteilungs-neutral gehalten: Er erzeugt wirtschaftlichen Umschlag, ohne selbst nennenswert zu konzentrieren. So bestimmen allein Zins bzw. Schwund die Vermögensverteilung — nicht der Handel.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Anzahl der Transaktionen. Im Zinssystem ist sie fest (\(K_z = 140\)). Im Freigeld steigt sie mit der Schwundrate, weil Horten Gebühren kostet:

$$K_f = 140\,(1 + 8s).$$

Bei Gesell-Standard (\(s = 5\,\%\)) sind das rund 196 Transaktionen, im Wörgl-Szenario (\(s = 12\,\%\)) rund 274 — also spürbar mehr Umlauf. Das ist Gesells zentrale Idee der erhöhten Umlaufgeschwindigkeit und der Grund, warum der BIP-Index des Freigelds über dem des Zinssystems liegt.

6. Die Kennzahlen

Geldmenge \(M = \sum_i \max(b_i, 0)\) und Schulden \(D\) wie oben.

Gini-Koeffizient als Maß der Ungleichheit (0 = alle gleich, 1 = einer hat alles). Mit aufsteigend sortierten Guthaben \(x_{(1)} \le \dots \le x_{(N)}\):

$$G = \frac{2\sum_{k=1}^{N} k\,x_{(k)}}{N\sum_{k} x_{(k)}} - \frac{N+1}{N}.$$

Anteil der reichsten 10 %: Summe der \(\lceil 0{,}1N\rceil\) größten Guthaben geteilt durch das Gesamtvermögen.

BIP-Index (reale Wirtschaftsleistung). Gemessen wird der Umschlag relativ zur Geldmenge, nicht der nominale Betrag — sonst täuschte die wachsende Geldmenge des Zinssystems ein Scheinwachstum vor. Mit der Jahres-Handelssumme \(\text{GDP}_t\):

$$\text{Umschlag}_t = \frac{\text{GDP}_t}{M(t)}, \qquad \text{BIP-Index}_t = 100 \cdot \frac{\text{Umschlag}_t}{\text{Umschlag}_{\text{Referenz}}}.$$

Die Referenz ist der Umschlag des Zinssystems im ersten Jahr. Beide Städte werden auf dieselbe Basis normiert, damit ihr Niveau direkt vergleichbar ist.

7. Historisch realistische Parameterwahl

Die beiden Szenario-Knöpfe oben („Gesell-Standard" und „Wörgl-Krise 1932") setzen Zins und Schwund auf Werte, die sich historisch belegen lassen. Die Begründung:

ParameterWertBegründung & Quelle
Zinssatz4–5 % / Jahr Entspricht dem von Gesell beobachteten historischen „Urzins" (meist 3–5 %) sowie der langfristigen Durchschnittsrendite auf Kapital. Thomas Piketty beziffert diese in „Das Kapital im 21. Jahrhundert" mit \(r \approx 4{-}5\,\%\) — bemerkenswert stabil über Jahrhunderte. Daher ist 5 % der Standardwert.
Schwund (Gesell)≈ 5 % / Jahr Gesells theoretischer Vorschlag in „Die natürliche Wirtschaftsordnung" (1916): rund 10 Pfennig Wertverlust pro Woche auf einen Jahresschein ≈ 5,2 % pro Jahr (etwa 1‰ pro Woche). Bewusst moderat — hoch genug gegen Horten, ohne die Wertmaßstab-Funktion zu zerstören.
Schwund (Wörgl)12 % / Jahr Praxis im Tiroler Wörgl 1932/33: 1 % pro Monat (= 12 % p. a.) als Krisenmaßnahme in der Depression. Folge: Die Scheine zirkulierten rund achtmal schneller als der gewöhnliche Schilling (Umschlag ≈ 73 statt 8,5 pro Jahr).

Wichtig: Zins und Schwund sind nicht „dasselbe in Grün". Der Zins belohnt das Halten von Geld und konzentriert Vermögen; die Schwundgebühr bestraft das Horten und treibt Geld in den Umlauf. Deshalb stehen sich 5 % Zins und 5 % Schwund gegenüber, wirken aber in entgegengesetzte Richtungen.

Quelle zum Wörgl-Experiment: Unterguggenberger Institut — „The Free Economy Experiment of Wörgl (1932–1933)" (benannt nach Michael Unterguggenberger, dem damaligen Bürgermeister von Wörgl). Weiter: Wikipedia: Umlaufgesichertes Geld.

8. Annahmen, Vereinfachungen und Grenzen

Wichtig: Dies ist ein stilisiertes Lehrmodell, das die Mechanik der beiden Geldsysteme sichtbar macht — keine kalibrierte Prognose und keine Anpassung an reale Wirtschaftsdaten.

Diese Vereinfachungen sind bewusst gewählt, damit der Effekt des Geldsystems isoliert und mathematisch transparent bleibt. Spätere Ausbaustufen können Banken, Staat, Produktion und Konjunkturzyklen ergänzen.